Fritz Stiegler: Valentina

Im Jahre 2010 will ein Arbeitskreis die Geschehnisse im Arbeitserziehungslager Langenzenn aufarbeiten. Man erwartet eine Zeitzeugin. Valentina war als junges Mädchen im Sommer 1943 mit einem Viehtransport aus der Ukraine nach Deutschland verschleppt worden. Sie landete in Nürnberg. Zuerst wurde sie einer Schuhmacherfamilie zugeteilt, danach kam sie ins Lager Langenzenn. Von dort gelang es ihr zu fliehen. Bei einer Großbauernfamilie in Gonnersdorf fand sie Unterschlupf.

Das Buch verknüpft das tatsächliche Geschehen mit einer fiktiven Handlung.
Erzählt wird das Leben von Valentina in der Bauernfamilie. Immer wieder gibt es Rückblenden in die Vergangenheit. Die Verknüpfung der zwei Erzählstränge fand ich sehr gelungen. Der Autor beschreibt das Leben auf dem Dorf während des Krieges. Die Männer waren zum großen Teil im Krieg, die ganze Arbeit auf dem Feld und mit dem Vieh lag in den Händen der Frauen. Dadurch waren Fremdarbeiter als Hilfskräfte willkommen. Doch es gehörte viel Mut dazu, sie ausreichend zu verpflegen. Normalerweise hieß es, dass die Arbeiter im Lager ernährt werden. Zynischer ging es nicht, denn außer Wassersuppe gab es kaum etwas.

Der Teil, der im Lager spielt, macht betroffen. Menschen wurden wie Vieh behandelt. Der Lagerkommandant und seine Begleiter lebten ihre sadistische Ader aus. Obwohl es nicht das erste Buch ist, das ich zu diesem Thema gelesen habe, bleibt es unverständlich, wie sich Menschen so verhalten können.Die Zeit bei der Schuhmacherfamilie war für Valentina eine Zeit des Lernens. Sie lernte das Handwerk und die Sprache. Doch auch hier wurde deutlich, wie tief der Krieg die Seelen der Menschen getroffen hatte. Sie warteten auf Nachricht vom einzigen Sohn. Als man ihnen dann noch Valentina nahm, waren sie wie versteinert.

Fast ein Jahr lebte Valentina auf dem Bauernhof. Marie, die Bäuerin mit großem Herzen und festen Glauben, hatte eine Möglichkeit gefunden, dass sich Valentina nicht verstecken musste.Ihr verdankt Valentina das Leben. Martin, der mittlere Sohn der Familie, unterhielt sich oft mit Valentina. Er hatte es auch nicht einfach, da es sein Fähnleinführer auf ihn abgesehen hatte.

Das Buch ist zum Andenken an diejenigen geschrieben worden, die im Lager umkamen. Es setzt aber auch all denen ein Denkmal, die nicht weggesehen haben. Selbst bei den Aufsehern im Lager gab es Unterschiede. Das Buch ist ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit in schlimmer Zeit. Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen ‚ diese Worte hat Marie in praktisches Handeln umgesetzt. Sie hat die Nächstenliebe über die Angst gestellt.

Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen. Die Zeitverhältnisse werden authentisch beschrieben, die allgegenwärtige Angst ist spürbar und nachfühlbar. Der Roman ist emotional tief bewegend.Alle Personen werden ausreichend charakterisiert. Dadurch wird ihr Handeln verständlich. Ich wünsche dem Buch viele Leser. Es darf nie vergessen
werden, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind. Gleichzeitig verdienen all
diejenigen unseren Respekt, die durch scheinbar so kleine Handlungen, wie ein
Essen am Wegesrand, die Angst besiegt und ein Zeichen gegeben haben.

Gut gefallen hat mir, dass der Autor im Nachwort auf die Entstehung des Romans und
den Bezug zu lebenden Personen eingegangen ist. Schade finde ich nur, dass wir über das weitere Leben von Valentina nichts erfahren.

Brunnen, ISBN 978-3-765-51237-7, Preis 16,99 Euro

Elfie Kraft

Hinweis: Hier ein aktuelles Interview des Autors.  http://buecheraendernleben.wordpress.com/2012/06/15/fritz-stiegler-valentina/

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