Christina Kunellis: Tränenperle

Merle wohnt mit ihrer Mutter in einer kleinen Hochhauswohnung in Berlin. Keine Geschwister, keine Haustiere, kein Vater. Sie scheint ein ganz normaler,
moderner Teenager. Kurz vor ihrer Volljährigkeit, verbringt sie viel Zeit mit
ihrer besten Freundin auf Partys und feiert Silvester allein, da ihre Mutter bei
ihrem Freund ist.

Doch genau diese Nacht ändert ihr Leben vollkommen. Ein langer Blick vom Geländer ihres Hochhausbalkons, ein angefahrener Hund und eine seltsame Begegnung später befindet sich Merle im Süden Deutschlands auf einem Gehöft und was als chaotische Fluchtentscheidung beginnt, zeigt sich bald als neue Richtung, in die ihr Leben verlaufen könnte. Dabei spielen die ländlichen Bauern mit ihrer fremden Art, die harte Arbeit mit den Kühen und nicht zuletzt ein mehr als netter Junge namens Simi (Kasimir) eine zunehmend bedeutende Rolle.Und wer ist eigentlich dieser Johannes, der sie herbrachte und in dessen Nähe sie sich so geborgen fühlt wie schon lange nicht mehr?
Es beginnt ein neues Jahr voller Aufregung und Abgründe, voller Hochs und Tiefs, verbracht in der Gefangenschaft des eigenen Selbsthass.

Tränenperle“ (ein wunderschön treffend gewählter Titel) kommt in schneeweißem Taschenbucheinband daher, mit rosa-violettfarbenen Farbverläufen und einem träumerischen Mädchengesicht. Es wirkt romantisch und sommerlich.
Doch dieser Eindruck ist trügerisch.

Was sich auf dem Buchrücken wie eine zarte Sommerromanze anhört, chaotisch und luftig, entpuppt sich in Wahrheit als spannender Entwicklungsroman mit schwindelerregender Tiefe.Auf den ersten 80 Seiten werden die Hauptcharaktere eingeführt, Merle beginnt ihre Reise, die Autorin bereitet die Umstände und äußerlichen Gegebenheiten vor. Der Kurztrip wird verlängert zu einem halbjährigen Praktikum in der Landwirtschaft, die Bauerfamilie nimmt Merle herzlich auf und sie trifft den fast perfekten
Simi.Kurz hatte ich das Gefühl, dass das Buch hier eigentlich fertig sein könnte, dass doch alles geklärt und geregelt sei und skeptisch betrachtete ich den dicken Block Seiten, der noch vor mir lag.Es gab keine Enttäuschung.
Nach und nach rückte der erste Eindruck von Merle in den Hintergrund. Immer öfter verhält sie sich merkwürdig, unverständlich. Ich war an manchen Stellen regelrecht geschockt, und dachte mir von ihr hätte ich das nie gedacht.“
Alkohol, Ritzen, Sex, Missbrauch, Drogen. Alles hat Merle bereits erlebt und auch wenn ihr nichts davon gut tut, kann sie nicht aufhören.

Die Gründe für ihren tiefen Selbsthass und die Selbstzerstörung werden durch den bereits erwähnten Johannes beleuchtet, den Merle selbst als Engel wahrnimmt, den ich jedoch als Jesus zu erkennen glaube und der sie zu Anfang begleitet, ihre Erinnerungen an Kindheit und die ständige Ablehnung ihrer Mutter wachruft und so Merles Verhalten für den Leser verständlich macht. Zusammen mit der Protagonistin muss der Leser selbst in einen Abgrund nach dem anderen blicken, der gar nicht so weit entfernt ist, wie man gerne möchte.

Kapitel um Kapitel geschieht Merle Gutes. Das Praktikum wird zur Ausbildungsstelle erweitert, Simi und sie kommen sich näher, sie trifft ein nettes Mädchen in der Berufsschule, das sich aufrichtig für sie interessiert. Alle mögen sie und wollen ihr helfen.
Doch nichts davon kommt an Merle heran und im Gegenteil, man verzweifelt geradezu daran, wie sich das mittlerweile volljährige Mädchen mit Gewalt gegen jede Art von Liebe wehrt und sich selbst zu beweisen versucht, dass sie nicht liebenswert ist.

Nach dem Höhepunkt der Spannung, als Merle kurz vor dem Selbstmord steht und schließlich die Wende eintritt, (kurz bevor man als Leser zu zerspringen droht) war ich nicht mehr an den Text gefesselt, sondern trieb leicht auf ein Happy End zu. Das aber noch einige Überwindungen weit entfernt war. Dennoch ist der Tonfall, die Atmosphäre von diesem Zeitpunkt an gänzlich anders, die drückende Gefahr schwindet und Hoffnung wächst zugleich in Merle, als auch im Leser.
Ein bisschen zu schnell geht dann die Auflösung aller von Merles Zwängen und Ängsten, aber ich sehe ein, dass es nötig war um das Ende abzurunden. Vor allem für die weibliche Leserschaft zwischen 14 und 17, die sicher ohne ein vereintes Liebespaar überaus unzufrieden wäre.

Der Schreibstil der Autorin ist durchweg flott, beschränkt sich auf das Nötigste, lässt aber nie etwas Wichtiges einfach weg. Man wird gekonnt mitgezogen, aber nie gehetzt.Szenen die Merles Gedanken und Gefühle beschreiben, sind oft ausdrucksstarke Metaphern, die jedoch nichts verklären, sondern Schmerz und Not umso vorstellbarer und realistischer machen und durch Symbole vieles darstellen, was anders kaum möglich wäre.Längen habe ich keine bemerkt. Nachdem Merles Probleme offenkundig werden, geriet ich geradezu in einen Spannungssog, wie schon erwähnt nach dem Höhepunkt bzw. Merles Tiefpunkt lässt der fesselnde Lesezwang etwas nach.Die Sprache ist authentisch jugendlich, es wird nicht drum herum geredet. Auch Schimpfworte fallen und machen jedes heftige Gespräch
lebensechter und drastischer.

Natürlich darf nicht vergessen werden zu erwähnen, dass die wahren Helden dieser Geschichte gar nicht in der Protagonistin zu finden sind. Da sind Mirka, Simi, Jens der Vater von Simi und natürlich Johannes. Sie machen die Hoffnung aus, die in diesem Buch steckt, zeigen Liebe und Vergebung, so dass man kaum anders kann, als Tränen zu
vergießen, wenn sie sich zur echten Freundin, zum Ersatzvater oder zum Liebenden
für Merle entwickeln und ihr immer wieder Ströme der Zärtlichkeit, Liebe und
Gnade zufließen lassen.Solche Väter, Freunde und Partner braucht jeder
Mensch.

Ein Roman, der zuerst überrascht, dann packt und immer und immer wieder unglaublich tief berührt. Berührt und erschreckt, welche Not, welcher Hass und welche Verzweiflung in jungen normalen“ Menschen stecken kann und wie doch selbst das nächste Umfeld davon nichts mitbekommen kann.

Emotional aufwühlend, niemals zu dick aufgetragen und unglaublich wichtig. Für jedes
Mädchen ab 14 empfohlen. Und für Mütter und Großmütter gleich mit!

Gerth Medien, ISBN 978-3-865-91738-6, Preis 13,99 Euro

Miriam Breuninger

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