Timo Braun: Die Wächter von Enruah

 

Jakobs Leben ist gewöhnlich. Er studiert BWL, wohnt in einer WG, in der Spannungen an der Tagesordnung sind und redet nicht mit seinem Vater. Einziger Lichtblick ist Evertale, ein Computerspiel, in dem er in die Rolle des ruhmreichen Kriegers Darian schlüpfen kann. In der Welt von Evertale ist Jakob alles, was er in der Realität nicht ist. Stark, angesehen und überlegen. Eines Tages trifft er dort jedoch auf Quentin, eine Figur die unglaublich real mit ihm interagiert und ihm einen Auftrag erteilt. Bringe dem Herrscher von Enruah eine Schriftrolle und tausche sie gegen drei andere.

Trotz des merkwürdigen Auftraggebers nimmt er die Herausforderung an und setzt damit eine Reise in Gang, die er nie für möglich gehalten hätte. Eine Verfolgungsjagd auf dem Meer, ein Strudel und plötzlich befindet sich Jakob tatsächlich in Enruah, dem Land
das es nirgendwo in Evertale gibt. Und er hat auch nicht mehr Tastatur und
Bildschirm vor der Nase, sondern steckt in Darians Kriegerkörper. Plötzlich ist
das scharfe Schwert, das er trägt eine tödliche Waffe und kein Haufen Pixel am
Bildschirm und sein Auftrag könnte über Leben und Tod entscheiden.

Erneut betritt Timo Braun mit seinem zweiten Roman „Die Wächter von Enruah“ das
spärlich besiedelte Gebiet der christlichen Fantasy und erstaunt mit noch
größerer Vielfalt als zuvor. Nicht nur, dass er es wagt Fantastik und Gott
zwischen ein und dieselben Buchdeckel zu packen, er steckt auch noch das moderne
Thema Computer- und Onlinerollenspiele hinzu. Und daraus ein gutes Buch zu
machen, gelingt ihm problemlos. Der jugendliche Hauptcharakter sowie die Welt
der Pixel öffnet das Buch genauso gut für Teenager, wie der hintergründige
Tiefgang ein vielleicht anspruchsvolleres Erwachsenenpublikum unterhält.

Ein harmonischer Balanceakt gelingt dem Autor aber nicht nur beim Einbeziehen von verschiedenen Lesern, sondern auch beim Schreibstil. Niemals langatmig und in gebündelt, lebendiger Sprache führt er uns von der Realität nach Enruah und erweckt trotz straffem Tempo nie den Eindruck zu hetzen. Die Dialoge der Charaktere bieten viel Raum zum Nachdenken und sind angenehm klischeefrei. Und wenn sie es doch zu werden drohen, erfrischt Jakob alias Darian gedanklich mit wiederkehrender Selbstironie. Abgesehen von Jakob/Darian, dem der Leser sehr nahe kommt, bleibt zu allen anderen Charakteren allerdings eine deutliche Ferne, die ein „Warmwerden“ verhindert.

Wie bereits im Vorgänger sprüht die Geschichte geradezu vor Symbolen. Menschen,
Namen, Gebäude, das Land Enruah selbst. Wer will kann auf Entdeckungsreise gehen
und statt das Buch in einem Rutsch durchzulesen, über vieles nachsinnen. Aber
genauso gut wirkt die Geschichte als spannende Unterhaltung, die man ohne viel
Federlesens in zwei Nächten durchliest. Dann empfehle ich aber, nach einem Jahr
noch einmal hineinzulesen um plötzlich ganz Neues zu entdecken.

Die Handlung ist beinahe durchgehend unvorhersehbar und mit überraschenden Wendungen durchzogen. Gegen Ende ahnt der aufmerksame Leser einiges, dennoch kann man nicht von Langeweile sprechen, denn bevor man nicht beim letzten Wort angelangt
ist, gibt es keine absolute Sicherheit.Besonders hübsch: Das Ende, das gibt der Autor in den letzten Sätzen sogar zu, ist ausgefeilt kitschig. Und das ist gut so, denn nichts anderes hätte gepasst.

Die geistliche Botschaft ist wie in „Der Schattensucher“ verborgen, so dass ein ahnungsloser Leser sich entspannt auf hochwertige Fantasyliteratur einstellen kann, während die „christlich-Involvierten“ leise lächelnd beim ersten Auftritt von Quentin
erraten mögen, wer er ist. Eine moralisch positive Botschaft kommt beim Leser an, ohne sich aufzudrängen, allerdings auch ohne konkreten biblischen Bezug.

Ideal also um es Fantasysüchtigen oder World-of-Warcraft-Spielern zu empfehlen. Und auch für den absoluten Fremdling in Sachen Fantastik und Computerrollenspiele wird es, auch dank einem kleinen Glossar für Gamerbegriffe, eine tiefe Bereicherung sein. Eine dezenter, aber ebenso bemerkenswerter Stern am düsteren Fantasyhimmel der Christen.

SCM Hänssler, ISBN 978-3-775-15405-5, Preis 15,95 Euro

Miriam Breuninger

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Romane veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s